Druckversion
kobinet-nachrichten
17.10.2006 - 11:52
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Hannover (kobinet) Der Bundesverband behinderter
und chronisch kranker Eltern (bbe e.V.) hat sich mit einem offenen
Brief an Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen gewandt. Darin
tritt der Verband angesichts der aktuellen Diskussion über ein
Frühwarnsystem für Kindesmißhandlungen dafür ein, dass auch die
entsprechenden Hilfen im Rahmen eines Rechtsanspruchs auf
Elternassistenz bereit gestellt werden. Die kobinet-nachrichten
dokumentieren im folgenden den offenen Brief. omp
Offener Brief: Frühhilfesystem statt Frühwarnsystem
Sehr geehrte Ministerin von der Leyen,
wir als Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern
begrüßen die Tatsache, dass das Bundesfamilienministerium verstärkt
eine Zusammenarbeit zwischen den hilfegewährenden Behörden fördern
möchte. Immer öfter rufen bei uns Familien mit behinderten und
chronisch kranken Eltern an, die sich zuvor hilfesuchend an Jugend- und
Sozialbehörden gewandt haben. Nur ca. 50 Prozent dieser Familien haben
Hilfen erhalten, die anderen wurden abgewiesen, weil die Zuständigkeit
verneint wurde. Danach folgt oftmals ein Hin und Her zwischen den
Behörden - irgendwann geben die Eltern entnervt auf und können dem
Kreislauf der Überforderung kaum mehr etwas entgegensetzen.
Nicht selten müssen die behinderten und chronisch kranken Eltern
sich auch den Vorwurf anhören, sie hätten sich selbst in diese Lage
gebracht. Hier können wir die derzeitige Praxis der Behörden nur
deutlich kritisieren. Wenn Eltern nach Unterstützung nachfragen, ist
dies als Zeichen einer großen Verantwortlichkeit gegenüber ihren
Kindern zu verstehen - sie haben ihren Hilfebedarf erkannt und wollen
mit den Behörden zusammenarbeiten. Die Bereitschaft der Eltern zur
Zusammenarbeit, die in Fällen von Bremen und anderen tragischen
Beispielen vermisst wird - wird nicht selten zu einem frühen Zeitpunkt
verbaut.
Wenn alle von einem Frühwarnsystem reden, verstehen überforderte
Eltern nur: wer nicht gut genug erzieht, dem werden die Kinder
weggenommen. Warum sprechen wir nicht von einem Frühhilfesystem? Das
nimmt die Sorgen und den Hilfebedarf überforderter Eltern ernst und ist
nicht nur eine Schuldzuschreibung - die weder Eltern noch Kindern
hilft.
Eltern sein ist keine von Geburt angeborene Fähigkeit - es ist ein
Lernprozess. Dafür brauchen alle Eltern Vorbilder und Unterstützung.
Das familiäre Unterstützungsformen heute immer seltener werden, können
wir alle bedauern. Wieder herstellen lassen sie sich bei den mehr und
mehr Ein- bis Zweikindfamilien und der erwarteten Flexibilität für den
Arbeitsmarkt kaum.
Wie auch führende Forscher und Forscherinnen beim Thema
Kindeswohlgefährdung sind wir der Meinung, dass die Ursachen für die
Überforderung von Eltern heute nicht selten vielseitige Ursachen haben.
Diesen Eltern und damit den Kindern zu helfen, sollte vorrangiges Ziel
Ihrer Initiative sein. In diesem Sinn, arbeiten auch wir gern mit an
einem Hilfesystem, damit möglichst viele Eltern mit unterschiedlichen
Voraussetzungen ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kindern gerecht
werden können. Für uns heißt dies beispielsweise, dass dringend ein
Rechtsanspruch auf Elternassistenz für behinderte und chronisch kranke
Eltern gesetzlich verankert werden muss, damit diejenigen behinderten
und chronisch kranken Eltern die entsprechenden Hilfen zur Erziehung
und Betreuung ihrer Kinder bekommen, die sie brauchen. Wenn der
Rechtsanspruch auf Arbeitsassistenz im SGB IX verankert wurde,
verstehen wir nicht, warum diese Hilfen nicht auch für behinderte und
chronisch kranke Eltern gelten, die ebenfalls einen wichtigen Job mit
der Erziehung ihrer Kinder ausüben.
Mit freundlichen Grüßen
Kerstin Weiß
Vorstand
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten