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16.11.2002 - 10:12
Betroffene bei Heimaufsicht beteiligen

Stefan Göthling, Geschäftsführer des Netzwerk People First Deutschland   
Kassel/Mulfingen (kobinet) Um eine effektive und an den Bedürfnissen der behinderten HeimbewohnerInnen orientierte Heimaufsicht gewährleisten zu können, müssen nach Ansicht des Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen - ForseA e.V. - und des Netzwerk People First Deutschland e.V. neue Wege in der Heimaufsicht beschritten und die Betroffenen dabei konsequent einbezogen werden.

«Von People First in England wissen wir, dass einige ihrer Mitglieder dort in der Heimaufsicht mitwirken. Die People First Mitglieder wurden als selbst Betroffene geschult, um mit den HeimbewohnerInnen Gespräche führen zu können. In der Praxis funktioniert das so: Die geschulten Betroffenen gehen zusammen mit VertreterInnen der Heimaufsicht in die Heime. Während die Heimaufsicht sich mit den MitarbeiterInnen befasst, führen die People FirstlerInnen ungestört Gespräche mit den HeimbewohnerInnen. So konnten zum Beispiel öfter Fälle von sexuellem Missbrauch und anderen Mißhandlungen und Einschränkungen der Selbstbestimmung aufgedeckt werden. Die HeimbewohnerInnen sprechen eben lieber mit anderen Betroffenen über ihre Probleme und Wünsche. Es gibt ein besseres Vertrauensverhältnis», so Stefan Göthling, Geschäftsführer des Netzwerk People First Deutschland, das sich für die Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten stark macht. Natürlich müssten die Betroffenen für die Mitwirkung an Heimbesuchen entsprechend geschult werden, so dass diese über die rechtlichen Rahmenbedingungen, Techniken der Gesprächsführung und die Grundregeln der Vertraulichkeit informiert sind.

«Während die Qualitätssicherung und das Qualitätsmanagement mittlerweile auf dem Papier so hoch gehalten wird, beobachten wir, dass diese Entwicklung meist an den Betroffenen vorbei und über deren Köpfe hinweg vonstatten geht. Die echte Lebensqualität der behinderten Menschen, um die es eigentlich gehen müsste, bleibt dabei in den schlauen Handbüchern und Qualitätsmanagementsystemen oft auf der Strecke. Daher wäre es nur konsequent, endlich auch behinderte ExpertInnen mit unterschiedlichen Behinderungen bei der Begutachtung und Kontrolle von Einrichtungen hinzuzuziehen. Denn wir, die wir die Einrichtungen meist am eigenen Leib erlebt haben und unsere Behinderung und die entsprechenden Hilfen tagtäglich selbst managen, wissen meist sehr genau, worauf bei Kontrollen geachtet werden muss. Zudem gelingt es uns oft wesentlich leichter, einen echten Austausch mit anderen behinderten Menschen zu praktizieren und die weitverbreiteten Ängste der BewohnerInnen vor Repressionen zu überwinden», erklärte die ForseA-Vorsitzende, Elke Bartz.

Da es in einer Zeit, in der der Paradigmawechsel in der Behindertenpolitik tagtäglich verkündet werde, keineswegs mehr lediglich darum gehen könne, dass die Behinderten in den Einrichtungen gut gemanaged, sowie satt und sauber gehalten würden, sondern deren Eingliederung aktiv betrieben und der Übergang in gemeindenahe Wohnformen konsequent gefördert werden müsse, habe die Beteiligung der Betroffenen noch einen anderen Vorteil. «Wir können durch unsere eigenen Erfahrungen und unserer eigenen Geschichten Beispiele geben, wie ein selbstbestimmteres Leben geht. Denn viele von uns haben in Einrichtungen gelebt, in denen wir abhängig waren und uns nichts zugetraut wurde. Wir haben uns unsere Selbstbestimmung Stück für Stück selbst erkämpft. Wir mussten oft erst lernen, wie man damit umgeht. Die Einrichtungen und die Heimaufsicht sollten also mit uns Betroffenen zusammenarbeiten, denn wir sind die besten ExpertInnen in eigener Sache. Einrichtungen sollten unseren Rat annehmen. Sie sollten nicht nur an ihre eigenen Interessen und den Erhalt der Einrichtung denken, sondern an die Menschen, die dort leben», meinen Stefan Göthling und Elke Bartz. hjr

 

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Rolf Barthel   am 16.11.02
 

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