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kobinet-nachrichten 08.07.2006 - 11:01
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Jetzt geht es an die vierte Säule

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Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Kassel (kobinet) Als wir von der Behindertenbewegung Anfang der 90er Jahre damit begannen, die gesetzliche Gleichstellung behinderter Menschen einzufordern, war ich zwar davon überzeugt, dass wir vieles schaffen werden, dass es uns aber gelingen würde, ca. 15 Jahre später auf eine Reihe von Gleichstellungsgesetzen blicken zu können, davon war auch ich nicht 100 prozentig überzeugt. Vor allem auch deshalb, weil bereits in der Diskussion um die Aufnahme des Benachteiligungsverbotes für Behinderte in Artikel 3 des Grundgesetzes deutlich wurde, wie viel Überzeugungsarbeit wir in der Politik, Verwaltung und Gesellschaft noch leisten müssen. Das Benachteiligungsverbot kam dann 1994, das Sozialgesetzbuch IX 2001, das Behindertengleichstellungsgesetz 2002 und jetzt 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.

Ich hatte damals aber auch nicht geglaubt, wie viel Arbeit uns dieser Weg kosten würde, wie viele Höhen und Tiefen wir durchleben müssen und wie schwer es dann werden wird, dass wir mit den Gesetzen - also unseren Rechten - dann auch richtig arbeiten. Und genau hier liegt nun eine unserer Hauptherausforderungen für die nächsten Jahre. Wir müssen jetzt den Umschwung vom bloßen Fordern zum fundierten Handeln bei der Umsetzung der Gesetze und beim Streiten für die Gleichstellung vollziehen. Das ist nicht leichter als für ein Gesetz zu streiten, hat aber auch einen großen Vorteil, denn nun können wir auf dem Postulat für unser Recht auf Gleichstellung aufbauen. Sei es die blinde Frau in Sindelfingen, die mit ihrer 5jährigen Tochter nicht ins Schwimmbad darf, seien es unsinnige Regeln bei Konzerten, durch die behinderten Menschen der Zugang verweigert wird oder Regelungen von Versicherungen, die uns den Abschluss von Versicherungen verweigern. Jetzt gilt es, dass wir uns diesen Diskriminierungen in der Tiefe widmen und die Schwerter des Gesetzes nutzen und wo diese nicht greifen, die Lücken aufzeigen.

Vor allem geht es meines Erachtens nun jedoch vorrangig darum, die vierte Säule des Paradigmenwechsels gezielt und gebündelt in Angriff zu nehmen - nämlich die immer noch massiv vorhandene Aussonderung behinderter Menschen in Sondereinrichtungen aufzuheben und durch adäquate Angebote für ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen in der Gemeinde aufzubauen. Ob Sonderschule, "Heim" oder Werstatt für behinderte Menschen, dass es für diese Systeme Alternativen gibt, ist längst bekannt und bewiesen. Nun müssen wir vereint dafür streiten, dass diese "heiligen Kühe" entzaubert werden und auch hierzulande das Leben behinderter Menschen in der Gemeinde statt in Aussonderungseinrichtungen zum Programm - also zum Standard wird. Dies ist eine Herkulesaufgabe, an der die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer wachsen kann, an deren Erfolg sie aber auch gemessen werden muss. Einen guten Anfang hat Karin Evers-Meyer mit ihrer Reise nach Schweden gemacht. Die Aufnahme behinderter Menschen in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz hat zudem ihre Position gestärkt. Nun ist es aber auch an uns, für diese vierte Säule des Paradigmenwechsels zu streiten.
 

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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

N. N. schrieb am 11.07.2006, 11:06 :

Aufhebung Aussonderung

Lieber Ottmar,
Ich habe diese Namensinitialen benutzt, um mir Ärger zu ersparen. In meiner Heimatstadt sollen in einem Jugendzentrum ein Computerclub für Sonderschüler für Lernhilfe gegründet werden. Unterichten sollen Hartz IV Empfänger für einen Stundenlohn von 1,50 €. Es hat keiner eine Pädagogische Ausbildung der betroffenen Hartz IV Empfänger. Die Unterichter haben einen Höheren Schulabschluss als Hauptschule. Gesagt wurde den betroffenen Leuten, dass die zu unterichtenden sozial benachteiligt, und sehr schwierig sind. Aber man will den Leuten nichts beibringen, aber trotzdem so eine Sache beginnen. So etwas kommt von einem Stadtjugendpfleger. Ein betroffener Hartz IV Empfänger der Informatiker ist,wurde für diese Aufgabe nicht genommen obwoh, er selbst auf der Sonderschule für Lernhilfe gewesen ist. Fazit die Sonderschüler müssen Selbst Aktiv werden, z.b. Von der Sonderschule bis zur Mittleren Reife oder Abitur sich aufarbeiten. Nur sohaben Sie vieleicht eine Chance.
Mit freundlichem Gruss
N.N


N N schrieb am 20.07.2006, 20:41 :

Nachprüfung ergab

das Kein Hartz IV Empfänger diesen 1,50 € Job bekommen hat. Angeblich soll jemand andersweitig eingestellt worden sein. Als Auskunft wurde bei der Ermittlungsstelle erzählt, das dieser besser als der Informatiker ist, der sich mühsam von der Sonderschule für Lernhilfe zum erweiterten Sekundarabschluss I hochgearbeitet hat. Der Informatiker ist staatlich geprüfter Wirtschaftsassistent Informatik. Ob diese Geschichte des zuständigen Vermittlers stimmt ist zweifelhaft.
Mit freundlichem Gruss
NN

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