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22.11.2002 - 15:36
Mit Playback für Assistenz geworben

  Dr. Adolf Ratzka 
Würzburg (kobinet) Damit Dr. Adolf Ratzka nicht die Luft bei seinen Vorträgen ausgeht, hat sich der langjährige Streiter der Selbstbestimmt Leben Bewegung aus Schweden bei seinem Vortrag im Rahmen einer Podiumsdiskussion für eine faire Assistenz in Würzburg etwas besonderes einfallen lassen. «Den Rolling Stones sagt man ja nach, dass sie mit Playback auftreten. Da dachte ich mir, dass ich das auch für meine Vorträge nutzen kann», erklärte der Behindertenrechtler aus Schweden selbstbewusst nach einer kurzen Einführung und ließ eine vorbereitete CD mit seinen Kernaussagen zur Situation von AssistenznehmerInnen in Schweden abspielen bevor er am Ende wieder live das Wort ergriff und den Vortrag abrundete. Der ein Atemgerät nutzende Elektrorollstuhlfahrer aus Stockholm beschrieb dabei auf eindrucksvolle Weise die Möglichkeiten der Assistenzorganisation und -absicherung in Schweden und dessen Bedeutung für sein persönliches Leben.

Der Bedarf werde dort nicht durch zähe und immer wiederkehrende Begutachtungen verschiedener Träger ermittelt, sondern in einem meist sehr vertrauensvollen Gespräch mit nur einer zuständigen Stelle besprochen. Das schwedische Assistenzgesetz von 1994, an dessen Zustandekommen Ratzka entscheidend mitgewirkt hat, regelt dabei, dass die Assistenz in Schweden nicht mehr von den einzelnen Kommunen unterschiedlich gehandhabt wird, sondern, dass es keine Rolle mehr spielt, in welchem Teil des Landes man wohnt. Dass diese Regelungen effektiv sind, beweist die Tatsache, dass es Adolf Ratzka und vielen anderen behinderten Menschen möglich ist, selbstbestimmt außerhalb von Einrichtungen zu leben, die in Schweden in weiten Bereichen mittlerweile zur Geschichte gehören. «Ich hätte nicht heiraten können, wenn es mir nicht möglich wäre, mit Hilfe meiner Assistenz Verantwortung für mein eigenes Leben, mein Haus und meine Tochter übernehmen zu können, denn sonst wäre keine gleichberechtigte Beziehung für uns möglich», erklärte Ratzka. Das Assistenzgesetz gibt mir die Möglichkeit, meinem Beruf nachzugehen, mich um mein Haus zu kümmern, dass meine Frau arbeiten gehen kann und mich adäquat um meine Tochter kümmern zu können».

Dass diese Ausführungen auch bei den deutschen PolitikerInnen nicht spurlos vorbei gingen, zeigte allein schon die Tatsache, dass diese während des Vortrags von Adolf Ratzka viel mitschrieben. In der Diskussion brachte die Behindertenbeauftragte der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Helga Kühn-Mengel, dann auch zum Ausdruck, dass sie mit den eher mageren Sätzen zur Absicherung der Assistenz im Koalitionsvertrag auch nicht zufrieden sei. Dieser sei jedoch nur ein erster Rahmen und sie sei sich sicher, dass das Thema in dieser Legislaturperiode angepackt werde.

Dr. Richard Auernheimer führte als Staatssekretär im Sozialministerium und Behindertenbeauftragter des Landes Rheinland-Pfalz aus, dass Rheinland-Pfalz ernsthaft daran arbeite, neue Akzente für ein selbstbestimmtes Leben Behinderter zu setzen und hob die Wichtigkeit der Selbstbestimmt Leben Initiativen hervor. «Wir werden am 4. Dezember ein Landesgleichstellungsgesetz verabschieden, um die Barrierefreiheit zu verbessern. Mein Wunsch wäre es, dass es mehrere Selbstbestimmt Leben Agenturen gibt, die die nötigen Angebote machen, um behinderten Menschen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen», so Dr. Auernheimer.

Podium   
Elke Bartz und Barbara Windbergs machten von seiten der Veranstalter - dem Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen, ForseA e.V. und Selbstbestimmt Leben Würzburg, WüSL e.V. - unmissverständlich klar, dass die Benachteiligung von assistenznehmenden Menschen auch in Deutschland schnellst möglich ein Ende haben muss. Vor allem in Würzburg müssten sich mehrere behinderte Menschen schon seit längerem mit den Gerichten herumschlagen, damit ihnen nicht die Assistenz gekürzt bzw. sie in abhängigere Unterstützungsformen umziehen müssten. Deshalb sei eine bedarfsgerechte Assistenz für behinderte Menschen so wichtig. «Wir fordern ein Assistenzsicherungsgesetz, das bedarfsgerechte Leistungen unabhängig von Einkommen und Vermögen mit größtmöglicher Wahlfreiheit sicher stellt. Denn, warum soll das, was in Schweden schon seit mehreren Jahren möglich ist, nicht auch hierzulande machbar sein», so die ForseA-Vorsitzende Elke Bartz.

Dass es zur Zeit anscheinend eine erhebliche Diskrepanz zwischen den schönen Worten der PolitikerInnen und den offenkundig gewordenen Finanznöten auf allen Ebenen gibt und sich daraus viele Unsicherheiten ergeben, machte Dr. Spielmann aus Eisingen stellvertretend aus dem Publikum deutlich. Adolf Ratzka schlug daher als ersten Schritt vor, mit einem Modellversuch zu starten, durch den behinderten Menschen die Hilfe aus einer Hand bedarfsgerecht gewährt wird, um zu beweisen, dass dies weitgehend effektiver ist, als die bisherige Herangehensweise. omp

 

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